ins Himmelszelt es leuchtet leuchtend rot
„In ihrem Buch Vibrant Matter (2010) argumentiert die amerikanische Philosophin und Politikwissenschaftlerin Jane Bennett gegen die Vorstellung von Materie als totem, passivem Stoff, der darauf wartet, durch menschliche Intention Form und Bedeutung zu erhalten. Sie schreibt, dass Materie lebendig ist und eine eigene Handlungsfähigkeit besitzt. Objekte handeln nicht wie Menschen, sind aber auch nicht bloße Werkzeuge, die eine Funktion erfüllen. Irgendwo dazwischen bilden sie eine Kraft, die affiziert, widersteht, überrascht – und mitgestaltet.
In der Kunst von Nie Pastille ist diese Kraft spür- und sichtbar zugleich. Ihre Objekte folgen nicht den festgelegten Pfaden eines einzigen Mediums, sondern vereinen unterschiedlichste Materialien wie Holz, Wolle, Leinwand, Stoffe, Pigmente, Blätter und Zweige. Es sind unregelmäßige Formen, die keinen rechteckigen Rahmen kennen. Stoffe, die gleichzeitig bemalt und genäht sind, die sich wölben und hängen. Sperrholz, das wie ein Körper ausgesägt wurde, nicht wie ein Bild. Farben, die nicht dekorieren, sondern drängen. Die Bilder wirken wie Wesen, die Luft in die Lungen genommen haben, aus den Rahmen ausgebrochen sind und nun durch den Galerieraum streunen. Jedes Werk existiert für sich, doch zusammen bilden sie eine geheimnisvolle, anarchische Gemeinschaft. Das Werk scheint das Ergebnis einer Verhandlung zwischen Künstlerin und Material zu sein – und das Material hat mitgeredet, oder besser: Man ist ihm gefolgt.
Doch was bedeutet es, einem Material zu folgen? Es bedeutet, sich nicht zu entscheiden, bevor man berührt hat. Nicht zu wissen, bevor man gespürt hat. Es bedeutet, dem Objekt volle Aufmerksamkeit zu schenken und ihm im Grunde paradoxerweise einen Raum zu geben. In gewisser Weise haben wir es hier mit einer besonderen Haltung zu tun: Sensibilität für Materialeigenschaften, eine geduldige Fürsorge, die den Prozess lenkt und Bruchstücke zusammenhält, die Kraft der meditativen Wiederholung von Gesten – Weben, Nähen, Auffüllen –, bis sich die Form herausbildet; sorgfältiges Sammeln von Überresten und aufmerksames Aufbewahren. Die Dinge werden in ihrer Lebendigkeit ernst genommen und nicht als toter Stoff behandelt, der geformt werden soll. Die Arbeiten bilden oft eine spannende Mischung aus Fragilität und Sperrigkeit. Sie oszillieren zwischen Ordnung und Auflösung, Leichtigkeit und Schwere, Intimität und Distanz sowie Öffnung und Widerstand.
Um diese Haltung noch besser zu veranschaulichen, bringen wir für die erste institutionelle Soloausstellung von Nie Pastille ihren tatsächlichen Arbeitsplatz in den Ausstellungsraum: einen Bauwagen mit einem Webstuhl. Dieser steht normalerweise auf dem Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“ in Köln, wo Nie Pastille auch in einem anderen Bauwagen lebt. In der Ausstellung fungiert er gleichzeitig als Architektur, Ausstellungsraum, Skulptur und funktionaler Arbeitsraum. Ein Bauwagen und ein Bauwagenplatz repräsentieren eine sehr spezifische Lebensweise. Es ist eine bewusste Positionierung außerhalb konventioneller häuslicher und sozialer Strukturen, die oft mit Autonomie, alternativer, häufig antikapitalistischer Gemeinschaft, ökologischem Bewusstsein sowie der Ablehnung bürgerlicher Stabilität einhergeht. Einerseits ist es ganz praktisch ein Leben in einem kleinen, begrenzten, mobilen Behälter, also einem sehr definierten persönlichen Raum. Andererseits hat man einen großen Außenbereich und die Verbindung nach draußen ist sehr stark. Der Bauwagenplatz in Köln liegt mitten in der Stadt und dient nicht nur als Wohnort, sondern auch als Veranstaltungsort mit Bar, Konzerten etc. Dieses Leben hat auch eine spezifische Ästhetik: Es ist nicht makellos, trägt Spuren der Zeit und vieles wird selbst gebaut. Durch eine hölzerne Plattform im zweiten Raum, die einer Plattform in einem anderen Arbeitsraum der Künstlerin ähnelt, erhält die Ausstellung eine neue Dimension: Sie wird zu einem großen, offenen Atelier, an dem künstlerischer Prozess und Präsentation ineinanderfließen. Es ist ein Ort des Beobachtens, der Begegnung und der Zusammenarbeit. Während der Ausstellung wird die Künstlerin an einer Installation arbeiten, die sich während der gesamten Laufzeit verändert und transformiert. Zudem wird sie einen Webworkshop für das Publikum anbieten. So wie die Kunstwerke von Pastille eine Bewegung, eine sich entfaltende Potenzialität andeuten, wird sich auch die Ausstellung selbst im Laufe der Zeit entwickeln und andere Formen annehmen. (…)“
Text von Aneta Rostkowska
In der Kunst von Nie Pastille ist diese Kraft spür- und sichtbar zugleich. Ihre Objekte folgen nicht den festgelegten Pfaden eines einzigen Mediums, sondern vereinen unterschiedlichste Materialien wie Holz, Wolle, Leinwand, Stoffe, Pigmente, Blätter und Zweige. Es sind unregelmäßige Formen, die keinen rechteckigen Rahmen kennen. Stoffe, die gleichzeitig bemalt und genäht sind, die sich wölben und hängen. Sperrholz, das wie ein Körper ausgesägt wurde, nicht wie ein Bild. Farben, die nicht dekorieren, sondern drängen. Die Bilder wirken wie Wesen, die Luft in die Lungen genommen haben, aus den Rahmen ausgebrochen sind und nun durch den Galerieraum streunen. Jedes Werk existiert für sich, doch zusammen bilden sie eine geheimnisvolle, anarchische Gemeinschaft. Das Werk scheint das Ergebnis einer Verhandlung zwischen Künstlerin und Material zu sein – und das Material hat mitgeredet, oder besser: Man ist ihm gefolgt.
Doch was bedeutet es, einem Material zu folgen? Es bedeutet, sich nicht zu entscheiden, bevor man berührt hat. Nicht zu wissen, bevor man gespürt hat. Es bedeutet, dem Objekt volle Aufmerksamkeit zu schenken und ihm im Grunde paradoxerweise einen Raum zu geben. In gewisser Weise haben wir es hier mit einer besonderen Haltung zu tun: Sensibilität für Materialeigenschaften, eine geduldige Fürsorge, die den Prozess lenkt und Bruchstücke zusammenhält, die Kraft der meditativen Wiederholung von Gesten – Weben, Nähen, Auffüllen –, bis sich die Form herausbildet; sorgfältiges Sammeln von Überresten und aufmerksames Aufbewahren. Die Dinge werden in ihrer Lebendigkeit ernst genommen und nicht als toter Stoff behandelt, der geformt werden soll. Die Arbeiten bilden oft eine spannende Mischung aus Fragilität und Sperrigkeit. Sie oszillieren zwischen Ordnung und Auflösung, Leichtigkeit und Schwere, Intimität und Distanz sowie Öffnung und Widerstand.
Um diese Haltung noch besser zu veranschaulichen, bringen wir für die erste institutionelle Soloausstellung von Nie Pastille ihren tatsächlichen Arbeitsplatz in den Ausstellungsraum: einen Bauwagen mit einem Webstuhl. Dieser steht normalerweise auf dem Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“ in Köln, wo Nie Pastille auch in einem anderen Bauwagen lebt. In der Ausstellung fungiert er gleichzeitig als Architektur, Ausstellungsraum, Skulptur und funktionaler Arbeitsraum. Ein Bauwagen und ein Bauwagenplatz repräsentieren eine sehr spezifische Lebensweise. Es ist eine bewusste Positionierung außerhalb konventioneller häuslicher und sozialer Strukturen, die oft mit Autonomie, alternativer, häufig antikapitalistischer Gemeinschaft, ökologischem Bewusstsein sowie der Ablehnung bürgerlicher Stabilität einhergeht. Einerseits ist es ganz praktisch ein Leben in einem kleinen, begrenzten, mobilen Behälter, also einem sehr definierten persönlichen Raum. Andererseits hat man einen großen Außenbereich und die Verbindung nach draußen ist sehr stark. Der Bauwagenplatz in Köln liegt mitten in der Stadt und dient nicht nur als Wohnort, sondern auch als Veranstaltungsort mit Bar, Konzerten etc. Dieses Leben hat auch eine spezifische Ästhetik: Es ist nicht makellos, trägt Spuren der Zeit und vieles wird selbst gebaut. Durch eine hölzerne Plattform im zweiten Raum, die einer Plattform in einem anderen Arbeitsraum der Künstlerin ähnelt, erhält die Ausstellung eine neue Dimension: Sie wird zu einem großen, offenen Atelier, an dem künstlerischer Prozess und Präsentation ineinanderfließen. Es ist ein Ort des Beobachtens, der Begegnung und der Zusammenarbeit. Während der Ausstellung wird die Künstlerin an einer Installation arbeiten, die sich während der gesamten Laufzeit verändert und transformiert. Zudem wird sie einen Webworkshop für das Publikum anbieten. So wie die Kunstwerke von Pastille eine Bewegung, eine sich entfaltende Potenzialität andeuten, wird sich auch die Ausstellung selbst im Laufe der Zeit entwickeln und andere Formen annehmen. (…)“
Text von Aneta Rostkowska